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Freitag, 27. Januar 2012

Adam und Bruno: 500 Milliarden Euro Rettungsschirm




»Hast du gelesen Adam? 500 Milliarden Euro sollen zur Rettung des Euro zur Verfügung stehen.«

»Ja, Bruno, es gibt also ein Riesendefizit, und das soll beseitigt werden. Ich frage mich, warum man nicht die Menschen heranzieht, bei denen fehlende Gelder gelandet sind. Das sind Spekulanten, die ihr Kapital eingesetzt haben, um es Geld verdienen zu lassen. Ist das nicht eine verrückte Idee, Geld Geld verdienen zu lassen?«

»Ich weiß nicht so recht, Adam. Ich glaube, dass die bestehende Gesellschaftsordnung eine wesentliche Rolle spielt.«

»Sehr gut, Bruno! In der kapitalistisch geprägten Gesellschaft wundert sich niemand über den Begriff, er ist hier selbstverständlich. Dagegen ist er in einer Leistungsgesellschaft völlig fehl am Platze, da es kein investiertes Geld gibt, denn auch die Kapitalisten müssen ihr Geld durch Arbeit verdienen. Verstehst du nun, warum die Leistungsgesellschaft für Kapitalisten etwas ist, was sie fürchten?«

»Ich glaube, ich ahne es.«

»Heraus mit deiner Ahnung, Bruno!«

»In einer kapitalistischen Gesellschaft kann der Kapitalist sein Kapital »Geld verdienen lassen«, während er gemütlich auf einem Sofa sitzt und sich seines Lebens erfreut. In einer Leistungsgesellschaft ist das nicht möglich, deshalb fürchtet er sich vor ihr.«

»Wie kann man seine Furcht überwinden? Der kleine Junge, der durch den dunklen Wald gehen muss, pfeift laut vor sich hin. Das »Pfeifen« des Kapitalisten besteht in der Behauptung, wir hätten die Leistungsgesellschaft schon längst. Was wir bereits haben, braucht nicht mehr eingeführt zu werden. Einige Bürger mit sehr hohem Einkommen, die sich selbst nicht Mehrbekommende, sondern Besserverdienende nennen, bezeichnen sich als Leistungsträger der Nation. Sie spielen das Täuschungsmanöver mit Begeisterung mit. Darüber hinaus wird den kleinen Leuten erzählt, die Leistungsgesellschaft sei sehr hart. Wer nicht über seine vollständige Leistungsfähigkeit verfügt, werde ausgebootet, werde zum armen Teil des Volkes abgedrängt, wie es zwar im Kapitalismus üblich ist, aber nicht in der Leistungsgesellschaft.«

»Aber da ist der kleine Mann doch völlig fehlinformiert. Die Nutznießer der kapitalistischen Gesellschaft ist eindeutig der Mensch, der über genügend Geld verfügt.«

»Um auf die fünfhundert Milliarden zurückzukommen, brauchen wir eigentlich nur die Kapitalisten zu zwingen, ihr Kapital zur Verfügung zu stellen, denn in der Leistungsgesellschaft ist es nicht möglich, sein Kapital »Geld verdienen zu lassen.«

»Wie überzeugt sind wir eigentlich, dass es noch zu unseren Lebzeiten zur Einführung der Leistungsgesellschaft kommt?«

»Was meinst du, Bruno?«

»Gar nicht überzeugt. Es ist, als säßen wir in einem Schnellzug, der in Richtung Rom fährt. Wir wollen aber nach Kopenhagen, doch der Zug fährt mit hoher Geschwindigkeit weiter nach Rom, er hat also noch nicht einmal gestoppt.«

Mit freundlichen Gruß
Wolf-Gero Bajohr

Dienstag, 10. Januar 2012

Adam und Bruno: Was geschieht, wenn die Leistungsgesellschaft eingeführt wird?



»Hallo Adam, was ist mit dir? Ich wundere mich über dein finsteres Gesicht. Erwartet habe ich ein Gesicht, das vor Freude strahlt.«

»Ach Bruno, ich habe es satt, ich gebe auf. Offensichtlich wollen sich die Leute lieber weiterhin betrügen lassen, als selbst aktiv werden. Vor die Wahl gestellt, sich für mehr Gerechtigkeit zu entscheiden oder für Fußball, würden sie den Fußball wählen.«

»Ich verstehe, dass du frustriert bist, trotzdem kannst du doch nicht ernsthaft an Aufgeben denken. Ausgerechnet jetzt …«

»Ausgerechnet jetzt …? Was ist denn geschehen, das mich daran hindern könnte, den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft aufzugeben?«

»Die Leistungsgesellschaft hat gesiegt.«

»Wie kommst du nur darauf, dass die Leistungsgesellschaft gesiegt hätte?«

»Der Bundestag hat den Sieg der Leistungsgesellschaft offiziell festgestellt.«

»Trotzdem ist das leider kein Sieg der Leistungsgesellschaft – diesen Kampf hat sie verloren.«

»Jetzt drehe ich den Spieß einmal um und frage dich, Adam: Wie kommst du nur darauf, dass die Leistungsgesellschaft verloren hätte?«

»Was bedeutet Leistungsgesellschaft für dich, Bruno?«

»Wer viel leistet, darf sich über ein hohes Einkommen freuen; wer nur wenig leistet, erreicht auch nur ein niedriges Einkommen.«

»Du meinst also, den Punkt hätten wir erreicht.«

»Wenn der Bundestag etwas verkündet, gehe ich davon aus, dass es richtig ist.«

»Es kann ja sogar richtig sein, dass unsere Gesellschaft von nun an Leistungsgesellschaft genannt wird oder kommunistische Gesellschaft oder Weihnachtsmanngesellschaft. Sie können die Gesellschaft doch nennen, wie sie wollen. Nach kurzer Zeit wird ohnehin nur nackter Kapitalismus praktiziert.«

»Du treibst wieder einmal einen deiner Scherze mit mir, Adam. – Warst du es nicht, der stets und ständig behauptet hat, dass die Leistungsgesellschaft gerechter sei als alle anderen Gesellschaftsformen?«

»Das ist völlig richtig, Bruno! Und bei dieser Aussage bleibe ich auch.«

»Nun hast du mich aber vollständig verwirrt, was du wohl auch wolltest.«

»Natürlich wollte ich dich nicht verwirren, Bruno, ich wollte dich im Gegenteil aufklären.«

»Bis jetzt hast du mich aber nur verwirrt.«

»Es wird sich gleich ändern, wie ich annehme.«

»Nun bin ich aber gespannt!«

»Vor deiner Tür steht ein VW-Golf.«

»Das stimmt doch gar nicht, Adam, ich fahre doch …«

»Was du wirklich fährst, ist für dieses Beispiel völlig unerheblich.«

»Also gut, dann fahre ich eben Golf, warum eigentlich nicht?«

»Jetzt kommt ein Regierungsvertreter und nennt deinen Golf Rolls-Royce

»Das ist ja wunderbar! Einen Rolls-Royce wollte ich schon immer fahren. – Stellt man mir auch einen Fahrer?«

»Bruno, bitte, sei ein wenig ernsthaft!«

»Gut, Adam, ich habe verstanden. Dadurch, dass jemand eine Kartoffel Erbse nennt, wird sie nicht zur Erbse. Auch wenn eine kapitalistisch geprägte Gesellschaft Leistungsgesellschaft genannt wird, bleibt sie eine kapitalistisch geprägte Gesellschaft.«

»Wie lautet jetzt die Lösung?«

»Ich habe keine, Adam.«

»Es gibt auch keine, Bruno.«

»Also Adam, jetzt werde ich aber allmählich ärgerlich. Jahre lang wirbst du für die Leistungsgesellschaft. Aber plötzlich gibt es keine Lösung, die Leistungsgesellschaft einzuführen. Wie kann ich mich in diesem Fall nicht verschaukelt fühlen?«

»Betrachte die vorgegebene Reihenfolge und überdenke sie, dann wirst du erkennen, dass die Reihenfolge extrem wichtig ist.«

»Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals die Reihenfolge erwähnt hättest.«

»Vielleicht habe ich das Wort Reihenfolge tatsächlich nicht erwähnt, aber hingewiesen habe ich etliche Male darauf, was wann zu erledigen ist.«

»Obwohl ich die sechs Gebote gelernt habe, brauche ich jetzt Hilfe von dir, Adam.«

»Du hast die sechs Gebote wirklich gelernt, Bruno? Ich bin überrascht und hocherfreut, denn du hast mir etwas zurückgegeben, was mir für einen Augenblick verloren schien. Danke, Bruno!«

»Jetzt möchte ich natürlich wissen, was ich dir zurückgegeben habe.«
»Etwas sehr Wichtiges, Bruno, vielleicht sogar das Wichtigste.«

»Du machst es aber sehr spannend.«

»Hast du keine Vorstellung? – Gar keine?«

»Nein, Adam, nicht die geringste Ahnung, was du meinen könntest.«

»Die Hoffnung ist es Bruno. ›Sie stirbt als Letztes‹, sagt man.«

»Es gibt also noch Hoffnung, das ist gut.«

»Und ob es gut ist. Es ist sogar ausgezeichnet!«

»Woraus schöpfst du deine Hoffnung?«

»Wir gehen davon aus, dass diese Zeilen von Leuten gelesen werden, die ohnehin schon unserer Meinung sind oder die den Inhalt bereits kennen und keine Gefahr darin sehen, solange die Menschen, die es wirklich angeht, diese Zeilen nicht lesen.«

»Wo siehst du eine Quelle für deine Hoffnung?«

»Warum sollte es nicht eines Tages geschehen, dass einige diese Zeilen lesen, die zu beiden Bereichen Kontakt haben, die also unsere Zeilen lesen und auch zu den Ausgebooteten, zu den Armen Verbindungen haben.«

»So langsam beginne ich, zu verstehen. Wie geht es weiter?«

»Diese herzlich Willkommenen, die in zwei Bereichen zuhause sind, erzählen den Armen und Betrogenen über die wirkliche Leistungsgesellschaft. Sie berichten, dass dort jeder, der nicht durch Krankheit, Alter oder erfolgreiche Ausbildung gehindert ist, arbeiten muss, um Geld zu verdienen. Für Kapitalisten ist kein Platz mehr. Im Gegensatz zur gegenwärtigen Gesellschaft, wo jeder eine angebotene Arbeit annehmen muss, sei sie auch noch so schlecht bezahlt und weit entfernt, ist die Leistungsgesellschaft bestrebt, nach Möglichkeit jedem einen Arbeitsplatz anzubieten, der ihm nach Neigung und Fähigkeit zukommt. Jeder Arbeitsplatz wird möglichst mit einer Kraft besetzt, die im Extremfall die Tätigkeiten fast wie ein Hobby betrachtet.«

»Das ist der positive Teil, Adam. Wo bleibt der negative Teil?«

»Es gibt zwar eine Vorbedingung, die erfüllt sein muss, aber sie ist nichts Negatives. Es sind die sechs Gebote. Erwähnt sei besonders das Gebot über die Gier.«

»Die Gier ist deshalb so schädlich, weil sie jede Gesellschaft in eine kapitalistische Gesellschaft umfunktioniert.«

»An dieser Stelle rufe ich alle Leser, die auch guten Kontakt zu den Kreisen der Armen haben, auf, ihren Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft zu leisten.«

Freundlichen Gruß
Wolf-Gero Bajohr


Freitag, 16. Dezember 2011

Adam und Bruno: Sieg der Leistungsgesellschaft


»Guten Abend, Adam, …«

»Guten Abend? – Seit wann bist du denn so förmlich, Bruno?«

»Ich stelle mich bereits auf die Zukunft ein. Dann werden wir alle an der Spitze der sozialen Hierarchie stehen, und zwar gleichzeitig. Das muss sich selbstverständlich im Sprachgebrauch niederschlagen.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Du solltest vielleicht im Blog ›Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft ‹den BeitragDie Leistungsgesellschaft wird kommen‹ lesen. Der Autor behauptet dort, der Kapitalismus sei zum Untergang verdammt.«

»Und wie kommt der Autor zu dieser mehr als optimistischen Aussage?«

»Findest du die Aussage optimistisch? Ich finde sie nur albern. Allein schon die Behauptung, alle wären dann an der Spitze der sozialen Hierarchie.«

»Das, mein lieber Bruno, hat er meines Wissens nie behauptet. Seiner Aussage nach könnten bei gleicher Leistung alle den Spitzenplatz erreichen, und zwar zur gleichen Zeit.«

»Wo und wann gibt es schon gleiche Leistung? Die Aussage über den Spitzenplatz ist also reine Bauernfängerei.«

»Ach Bruno, wenn einmal nicht alles genauso abläuft, wie du es dir vorgestellt hast, dann neigst du dazu, sofort alles zu verdammen. – Doch nun zurück zum Kapitalismus. Ihn gilt es zu vernichten, denn erst ohne ihn können wir an eine Besserung denken. – Wir hatten eine Schwachstelle des Kapitalismus gefunden.«

»Hilf mir doch noch einmal auf die Sprünge! Was war die Schwachstelle des Kapitalismus?«

»Es war und ist die Gier, Bruno, vor allem die Habgier und die Gier nach Ehre und Anerkennung, meistens Ehrgeiz genannt.«

»Nun weiß ich es wieder. Gier und Kapital, sie bedingen einander. Gibt es keine Gier, bricht der Kapitalismus zusammen.«

»Offensichtlich geht der Autor davon aus, dass die Gier beseitigt wird, und damit wären wir auch den Kapitalismus los.«

»Also gut, Adam, unterstellen wir einmal, die Gier werde beseitigt und der Kapitalismus als Folge davon ebenfalls. Was nicht verschwindet, ist der Bedarf an Darlehen. Wer sein Geld als Darlehen verleiht, möchte dabei einen kleinen Gewinn erzielen, was aber wiederum Gier ist. Gibt er das Geld, ohne Zinsen zu erwarten, dann frisst ihm die Inflation einen Teil seines Geldes.«

»Was sagt der Blog-Autor dazu? Wie löst er das Problem? Dass der Darlehensgeber für seine gute Tat nicht bestraft werden will, das verstehen wir wohl alle.«

»Der Autor greift zunächst auf ein Grundnahrungsmittel – wie zum Beispiel Kartoffeln – und deren Preis zurück. Das Darlehen dividiert er durch den Preis der Kartoffeln und erhält die Menge an theoretisch verliehenen Kartoffeln. Soll das Darlehen zurückgezahlt werden, ist die errechnete Menge an Grundnahrungsmitteln mit dem aktuellen Preis zu multiplizieren. Damit hat der Darlehensgeber keinen Inflationsverlust.«

»Er nutzt also die Entwicklung der Kaufkraft und verhindert so, dass der Darlehensgeber einen Inflationsverlust hat.«

»Allerdings hat er auch keinen Gewinn!«

»Das, lieber Bruno, war schließlich das Ziel: Niemand sollte mehr mit Geld weiteres Geld verdienen.«

»Denn das wäre wieder Gier. Und sie haben wir ja gerade erst abgeschafft, um auch den Kapitalismus loszuwerden.«

»Was schreibt der Autor denn noch so über den Kapitalismus?«

»Er vergleicht den Kapitalismus mit einem Auto.«

»Sollen etwa auch alle Autos abgeschafft werden?«

»Ach Adam, die Witzabteilung ist doch allein mir unterstellt. Bleiben wir also dabei: Du bist der ernsthafte Typ und ich der Spaßmacher.«

»Einverstanden, Bruno.«

»Der Kapitalismus wird von Gier bewegt, beide bedingen einander. Wie es jedoch einem Auto ergeht, das keinen Treibstoff erhält, so ergeht es dem Kapitalismus, den dauerhaft keine Gier mehr bewegt. – Folglich muss es das Bestreben des Menschen sein, die Gier zu überwinden.«

»Die Anzahl der starken Menschen nimmt zu, und der Kapitalismus wird bei uns besiegt. Ich glaube auch daran. – Was wird aus dem Fremden?«

»Nach dem Sieg über den Kapitalismus zieht sich der Fremde zurück.«

»Weshalb zieht er sich überhaupt zurück Bruno? – Weiß der Autor eine Antwort?«

»Zumindest hat er eine Vermutung: ›Täte er es nicht, würde man ihm wegen seines Charismas gewiss ein hohes Amt anbieten, vielleicht sogar das des Staatsoberhauptes.«

»Genau das wollte er aber nicht, wie ich annehme, denn er kam wohl nur, um zu helfen.«

»Das hat der Autor auch gemeint.«

»Wer der Fremde tatsächlich ist, bleibt den Menschen ein Geheimnis.«

Viele Grüße
Wolf-Gero

Freitag, 2. Dezember 2011

Adam und Bruno -- Teil 1

Teil 1 von 4


Wer vom Kapitalismus negativ betroffen wird, sieht ihn vielleicht etwas kritischer.
Auszug aus meinem Buch "Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft"*), wird fortgesetzt

Wer trotz jahrzehntelanger Tätigkeit als Arbeitnehmer am Ende seines Berufslebens auf finanzielle Hilfe von der Gemeinschaft angewiesen ist, um zu überleben, der hält für gewöhnlich jede auf Leistung oder Kapital beruhende Gesellschaft für verantwortlich. Leistungsgesellschaft und Kapitalismus sind für ihn unterschiedslos die Feinde einer gerechteren Gesellschaft.
Mein Weg führt mich durch eine Anlage mit liebevoll gepflegten Kleingärten, und in einem dieser Gärten sehe ich Bruno, einen früheren Nachbarn. Kaum dass er mich erkannt hat, lächelt er mir freundlich zu und kommt mir bis zur Gartenpforte entgegen.
Wir begrüßen uns, und beiläufig frage ich ihn, wie es ihm gehe. Sein für gewöhnlich freundliches Gesicht ändert sich schlagartig, seine Augen blitzen zornig. Und so klingt auch seine Stimme, während er mir antwortet:
»Wie wird es mir schon gehen, nachdem mich einige von Habgier bewegte Kapitalisten in die Armut gedrängt haben, sodass ich nun wie ein arbeitsscheuer Mensch von Sozialhilfe leben muss? Einige nette Mitmenschen meinen sogar, mich unbedingt fragen zu müssen, wie es mir in der sozialen Hängematte gefällt.«
»Und – wie gefällt es dir dort, Bruno?«, versuche ich zu scherzen.

Für einen Augenblick scheint Bruno zu zögern, ob er über meine Frage lachen oder ob er lieber zornig bleiben soll. Der Zorn gewinnt, und Bruno fällt sein Urteil: »Das ist nicht lustig!«
Ich blicke in sein zorniges Gesicht und frage mich, wo sein Verständnis für andere in ähnlicher Lage war, als er noch in Lohn und Brot stand und deshalb auf Sozialhilfe nicht angewiesen war. – Seinen Zorn kann ich durchaus nachvollziehen, aber mein Mitgefühl schweigt. Schließlich weiß ich, dass Bruno ein Anhänger des Kapitalismus ist oder zumindest war und sogar die kleine machthungrige Partei zu wählen pflegte, die sich wie keine andere für den Ausbau des Kapitalismus einsetzt. – Offensichtlich wird Schmerz erst dann beachtet, wenn man ihn selbst fühlt.
»Du überraschst mich, denn deine negative Einstellung zum Kapitalismus verstehe ich im Augenblick nicht. Du warst doch stets ein Befürworter dieses Systems. – Wann hat sich deine Einstellung geändert?«, frage ich.
»Nachdem ich jahrzehntelang meine Pflicht für meinen Arbeitgeber getan hatte, entschied eine offenbar mächtige Gruppe von Investoren, die Produktion ins ferne Ausland zu verlagern und dafür das heimische Unternehmen zu schließen – schon saß ich auf der Straße.«
»Für dich als Anhänger einer Gesellschaft, in der dem Kapital eine größere Bedeutung beigemessen wird als den Menschen, sollte die Entlassung von Mitarbeitern doch ein ganz normaler Vorgang sein.«
»Das mag stimmen, aber die Pflicht des Arbeitgebers endet nicht mit der Entlassung eines Arbeitnehmers, sie reicht weiter und schließt die Hilfestellung bei der Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz ein. Denn solange das Arbeitsverhältnis bestand, verdiente der Arbeitgeber an seinem Angestellten. Einen Anteil davon sollte er nach der Entlassung seines Mitarbeiters darauf verwenden, ihm bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu helfen und sich so der Verantwortlichkeit zu stellen«, erläutert Bruno.
»Ich fürchte, Bruno, zumindest in diesem einen Punkt überschätzt du den Kapitalismus und die Charakterstärke des Arbeitgebers. Er entlässt die Arbeitnehmer nicht, um ihnen einen Gefallen zu erweisen, sondern deshalb, weil er sich davon einen finanziellen Vorteil verspricht. Zu dieser Einstellung passt es nicht, dass er sich um Arbeitsplätze für die Entlassenen kümmert. Handelte er trotzdem derart fürsorglich, ginge es natürlich zulasten der Ersparnis, die durch Entlassung von Mitarbeitern erreicht wurde. Das wäre kein sauberer Kapitalismus mehr, denn eine Portion Sozialismus hätte ihn kontaminiert.«
Während ich redlich versuche, Bruno über den wahren Charakter des Kapitalismus aufzuklären, kommt mir ein Gedanke: Ist es möglich, dass Bruno zu seiner bisher positiven Einschätzung des Kapitalismus allein deshalb fand, weil er ihm etwas zugeordnet hatte, was kein Bestandteil des Kapitalismus ist?
»Nun verrate mir doch einmal, Adam, greifst du den Kapitalismus jetzt an – oder verteidigst du ihn?«, möchte Bruno wissen.
»Ich beabsichtige weder das eine noch das andere. Mir geht es lediglich darum, einige Fakten zu sammeln.«
»Einige Fakten willst du sammeln? – Worüber willst du sie sammeln und wozu?«, erkundigt sich Bruno.
»Aber Bruno, jetzt erstaunst du mich aber sehr, denn der Zweck liegt doch auf der Hand.«
»Für mich leider nicht, Adam«, widerspricht Bruno.
»Bevor ich beginne, Vermutungen anzustellen, wie sich etwas verhalten wird, oder sogar ein Urteil fälle, bemühe ich mich, möglichst viel über das Objekt zu erfahren.«
»Das verstehe ich und finde es gut.«
»Danke!«
»Das Problem mit den entlassenen Arbeitnehmern ist noch ungelöst: Du bist augenscheinlich dagegen, dass der ehemalige Arbeitgeber in die Pflicht genommen wird, was wieder einmal bedeutet, dass Gewinne in private Hände wandern, während Kosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden«, fasst Bruno den gegenwärtigen Stand – wie er ihn einschätzt –zusammen.
»Es scheint sich ein Missverständnis eingeschlichen zu haben. Ich hätte nichts dagegen, Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen; wir wissen jedoch beide, dass das nicht zum Kapitalismus gehört.«
»Was geschieht dann aber mit den Entlassenen, wenn sich der bisherige Arbeitgeber für sie nicht verantwortlich zu fühlen braucht?«
»Die Befürworter des Kapitalismus und erst recht seine Nutznießer haben ein Credo: Der Markt regelt alles, sofern man ihn nur lässt.«
»Willst du damit etwa sagen, dass es eine kapitalistisch geprägte Gesellschaft hinnehmen muss, wenn eine starke Kraft völlig unkontrolliert die eigenen Ziele verfolgt – wie ein Staat im Staate?«
»Man könnte es durchaus so ausdrücken«, beantworte ich Brunos Frage.
»Du sagst es, wie mir jedenfalls scheint, ohne verärgert zu sein«, wundert sich Bruno.
»Im Augenblick bin ich in Gedanken bei dem, was mit den Entlassenen geschehen könnte, ohne deswegen gegen das Credo des Kapitalismus zu verstoßen.«
»Also gut, es geht jetzt um entlassene Mitarbeiter.«
»Wie es für die Entlassenen weitergehen könnte, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob die Wirtschaft noch über ausreichende Selbstheilungskräfte verfügt. Sie sollten aber vorhanden sein, sofern die kapitalistische Wirtschaft nicht allzu viele Eingriffe von inkompetenter Seite hinnehmen musste. Fest steht jedoch, dass nicht nur die Arbeitgeber ihren Beitrag zu leisten haben, für die Arbeitnehmer gilt es ebenfalls: Sie müssen einiges an Flexibilität zeigen.«
»Flexibilität? – Das ist totaler Unsinn, Adam! Willst du behaupten, ich sei nicht flexibel genug? Und dich hielt ich für meinen Freund!«, erbost sich Bruno, und vor Wut läuft sein Gesicht rot an.
»Jetzt tust du mir unrecht, Bruno, denn das Gegenteil trifft zu.«
Die Wut verschwindet sofort aus seinem Gesicht und gibt es frei für den Ausdruck höchsten Erstaunens.
»Wie meinst du das?«, will er wissen und sieht mich voller Erwartung an.
»Gerade weil du mir nicht unsympathisch bist, bemühe ich mich doch, deinen persönlichen Schicksalsschlag zu analysieren.«
»Ich sitze – bildlich gesprochen – auf der Straße! Was gibt es da noch zu analysieren?«
»Es ist oft hilfreich, wenn man weiß, ob das, was einem widerfährt, die Folge einer persönlichen Besonderheit ist oder lediglich ein einzelnes Symptom eines völlig üblichen Vorgangs.«
»Ein paar Kapitalgeber konnten ihren Hals nicht voll genug kriegen und zerschlugen deshalb ein florierendes Unternehmen. Daraufhin verlor ich meinen Arbeitsplatz und fand mich im Heer der Arbeitslosen wieder. – Das ist meine Analyse … jetzt wissen wir es! – Was soll nun daran hilfreich sein?«, tobt Bruno. Sein Gesicht wirkt nicht mehr erstaunt, es zeigt wieder pure Wut.
»Räumen wir jemandem die Möglichkeit ein, sich zu bereichern, ohne dass er dafür mit einer Strafverfolgung rechnen muss, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit die Gelegenheit nutzen.
Es gehört …«

Viele Grüße
Wolf-Gero Bajohr

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Donnerstag, 1. Dezember 2011

Wer arbeitet besser?


Zwei Gruppen erhalten einen Arbeitsauftrag:

Eine Gruppe erfüllt ihren Auftrag nur widerwillig, weil ihr die Arbeit nicht liegt und ihre Fähigkeiten für die verlangten Tätigkeiten außerdem nicht ausreichen.

Die zweite Gruppe erfüllt ihren Auftrag mit großer Begeisterung, denn die geforderten Fähigkeiten und Neigungen entsprechen dem, was sie sich auch als Freizeitbeschäftigung aussuchen würde. 

Welche der beiden Gruppen wird voraussichtlich die höhere Leistung erbringen? – Es gehört sicherlich nicht viel Fantasie dazu, die zweite Gruppe als Sieger zu sehen.
Berücksichtigen wir, dass in unserer gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft stets gefordert wird, Erwerblose müssten grundsätzlich jeden angebotenen Job annehmen, dann ist unschwer zu erraten, dass das Arbeitsergebnis alles andere als erfreulich ist.

Betrachten wir veröffentlichte Erwerbslosenstatistiken etwas genauer, dann sollte uns eine Besonderheit auffallen: Bei Entlassungen und bei Einstellungen wird stets nur die Anzahl der Mitarbeiter genannt. Wie hoch die Summe der gezahlten Löhne ist, wird nicht erwähnt, ebenso wenig die Summe der Arbeitswegkilometer.

Die fehlenden Angaben erweisen sich als sehr praktisch bei den Erwerbslosenstatistiken, wo ja nur die Anzahl der Mitarbeiter genannt wird. So erscheint eine Meldung über die Entlassung von 1000 Mitarbeitern. Einige Zeit später erscheint eine erfreuliche Meldung, ein Unternehmen stelle 2000 Arbeitnehmer ein. Politiker der Regierungsparteien jubeln, es gehe wieder aufwärts mit uns.

Ein kritischer Beobachter traut dem Ganzen jedoch nicht. Er vermisst die Lohnsumme und die Summe der Arbeitswegkilometer. Hätte er sie nämlich, könnte er vielleicht feststellen, dass die Lohnsumme gleich geblieben ist. Allerdings galt die ursprüngliche Summe für 1000 Arbeitnehmer, während die neue und gleich hohe Summe nun für 2000 Arbeitnehmer gilt, was ja nichts anderes bedeutet, als dass die Löhne halbiert werden. Da die Erwerbslosen sehr flexibel sein sollen, ist zu vermuten, dass die Summe der Arbeitswegkilometer ebenfalls auf mehr als das Doppelte der ursprünglichen Arbeitskilometer gestiegen ist.

Wenn die Presse meldet, es gehe wieder aufwärts, denn Arbeitssuchende werden in größerer Zahl eingestellt, dann können wir sicher davon ausgehen, dass das nur für eine Gruppe gilt, nämlich für die Kapitalisten.

Viele Grüße
Wolf-Gero Bajohr

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